Frau Dr.-Ing. Ried, womit beschäftigen Sie sich in Ihrer Arbeit bei TransnetBW?
Mein Arbeitsalltag ist stark von Projektarbeit geprägt. Ich leite ein interdisziplinäres Projektteam, das sich mit der Konzeption, Weiterentwicklung und Erprobung von Instrumenten beschäftigt, um Flexibilität auf der Lastseite für den Netz- und Systembetrieb nutzbar zu machen.
Dabei bearbeiten wir technische, energiewirtschaftliche und regulatorische Fragen. Gemeinsam entwickeln wir Prozesse, Marktdesigns und Leitplanken. Diese testen wir auch in Pilotprojekten wie OctoFlexBW. Das geschieht in enger Abstimmung mit verschiedenen Fachbereichen innerhalb von TransnetBW, aber auch im Austausch mit externen Partnern wie anderen Netzbetreibern, Aggregatoren, Herstellern oder Forschungseinrichtungen.
Wie ist Ihre Arbeit organisatorisch eingebettet?
In unserer Fachabteilung entwickeln wir konkret das Marktdesign von morgen. Gleichzeitig sind wir stark vernetzt: Wir arbeiten eng mit der Systemführung zusammen, die diese Flexibilität später nutzen soll, und auch mit der Politik- und Regulierungsseite, weil viele der Konzepte nur mit entsprechenden Rahmenbedingungen umgesetzt werden können.
Wie arbeiten Sie konkret im Projekt?
Wir arbeiten bereichsübergreifend in einer hybriden, stark agilen Projektstruktur. Das bedeutet: Wir haben regelmäßige Abstimmungen, in denen wir gemeinsam an Konzepten arbeiten, aber auch Formate, um uns über den aktuellen Stand auszutauschen.
Ein wichtiger Bestandteil sind monatliche Reviews und Planungsrunden, in denen wir Fortschritte bewerten und die nächsten Schritte festlegen. Gerade in einem Umfeld, das sich schnell verändert und stark von externen Entwicklungen geprägt ist, hilft uns diese Arbeitsweise, flexibel zu bleiben und kontinuierlich und mit Blick auf unsere Projektziele nachzusteuern.
Kommen wir zum fachlichen Kontext: Was verändert sich im Stromsystem aktuell?
Die Energiewende führt zu tiefgreifenden Veränderungen. Auf der Erzeugungsseite sehen wir einen starken Ausbau erneuerbarer Energien und damit eine höhere Volatilität. Gleichzeitig entstehen auf der Verbrauchsseite durch Elektrifizierung neue, flexible Lasten, etwa durch Elektrofahrzeuge, Heimspeicher oder Wärmepumpen. Hinzu kommt, dass konventionelle Kraftwerke zunehmend vom Netz gehen. Gleichzeitig besteht weiterhin ein strukturelles Nord-Süd-Gefälle: viel Erzeugung im Norden, hohe Verbrauchszentren im Süden. Das führt zu einem steigenden und zunehmend kurzfristigen Bedarf an Eingriffen in den Systembetrieb.
Welche Rolle spielt dabei der Redispatch?
Redispatch bedeutete lange Zeit, dass wir durch das Hoch- oder Herunterfahren von Kraftwerken in das Marktergebnis eingreifen, um Netzengpässe zu beheben.
Mit dem Einbeziehen von erneuerbaren Energien und großen Batterien – Redispatch 2.0 – haben wir diesen Mechanismus bereits erweitert. Allerdings liegt deren Stärke vor allem darin, Leistung zu reduzieren, also abzuregeln. Zusätzliche Erzeugung ist bei erneuerbaren Energien nur begrenzt möglich, unter anderem bei Biomassekraftwerken. Gerade in Süddeutschland, wo häufig zusätzliche Erzeugung benötigt wird, stoßen wir damit an Grenzen.
Und hier setzt Redispatch 3.0 an?
Genau. Redispatch 3.0 geht einen Schritt weiter, indem wir Flexibilität auf der Lastseite nutzen wollen. Das bedeutet: Statt ausschließlich die Erzeugung anzupassen, können wir auch den Verbrauch temporär reduzieren oder verschieben. Das betrifft insbesondere viele kleine, dezentrale Verbraucher wie Elektrofahrzeuge oder Wärmepumpen. Von diesen erwarten wir in Zukunft ein erhebliches Flexibilitätspotenzial, insbesondere in Baden-Württemberg.
Damit erschließen wir nicht nur zusätzliche Möglichkeiten für das Engpassmanagement, sondern können auch Kosten senken. Interne Analysen zeigen, dass deutschlandweit bis 2030 Einsparpotenziale in der Größenordnung von etwa einer Milliarde Euro möglich sind, wenn dieses Konzept breit umgesetzt wird.
Wie funktioniert das technisch?
Wir steuern nicht einzelne Anlagen direkt. Stattdessen arbeiten wir mit Aggregatoren zusammen. Diese bündeln viele einzelne Anlagen zu sogenannten Pools. Diese Pools werden uns inklusive Prognosen beispielsweise zu verfügbaren Potenzialen bereitgestellt. Auf dieser Basis gleichen wir als Netzbetreiber unseren Bedarf mit den verfügbaren Flexibilitäten ab. Wenn ein Einsatz sinnvoll ist, senden wir Aktivierungssignale an die Aggregatoren, die dann die Steuerung innerhalb ihres Pools übernehmen.
Technisch ist das in vielen Teilen vergleichbar mit den Prozessen im bestehenden Redispatch, nur dass jetzt eine neue Art von Flexibilität hinzukommt. Für die Umsetzung der Prozesse nutzen wir vor allem bestehende IT-Systeme, insbesondere die Netzbetreiberplattform DA/RE.
Welche Rolle spielen Daten dabei?
Daten sind zentral. Die Aggregatoren müssen ihre Anlagen kennen, deren Verhalten prognostizieren und kontinuierlich Daten verarbeiten. Gleichzeitig müssen die IT-Systeme aller Beteiligten – Netzbetreiber, Aggregatoren und teilweise auch Systeme im Haushalt – miteinander kommunizieren.
Wir betrachten dabei eine End-to-End-Kette: vom Netzbetreiber bis in den Haushalt. Neben der IT braucht es dafür auch physische Infrastruktur, etwa Netzanschlüsse oder entsprechende Mess- und Steuerungstechnik. Aber die eigentliche Komplexität liegt in den Daten und den Prozessen.