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Flexibilitäten – der schlafende Riese erwacht

Willkommen zur neuen Ausgabe von 3239+

Liebe Leserin, lieber Leser,

unser Stromsystem steht vor einem grundlegenden Wandel. Mit einem stetig wachsenden Anteil erneuerbarer Energien wird die Stromerzeugung immer dynamischer und damit auch anspruchsvoller für das Gesamtsystem.

Die entscheidende Frage ist: Wie bringen wir Angebot und Nachfrage weiterhin zuverlässig in Einklang?

Flexibilität gilt als schlafender Riese der Energiewende. Sie ermöglicht es, Verbrauch, Erzeugung und Speicherung zeitlich aufeinander abzustimmen. Damit lassen sich Engpässe reduzieren, Kosten senken und erneuerbare Energien besser nutzen.

Gleichzeitig bleibt klar: Ein stabiles Stromsystem benötigt mehr als Flexibilität allein. Digitale Lösungen und physische Netztechnik müssen zusammenspielen. Wir arbeiten für ein Stromsystem, das auch unter neuen Bedingungen zuverlässig funktioniert.

In dieser Ausgabe stellen wir Projekte vor, die Flexibilität schaffen, und zeigen, wie wir das System der Zukunft aktiv gestalten.

Ihr Redaktionsteam

01

FlexibilitätNeue Akteure kommen ins Netz

Ladestecker an einem E-Auto

Flexibilität ist einer der größten Hebel für das Netz der Zukunft. Ohne Flexibilität gerät die Energiewende aus dem Takt. Denn wenn Stromangebot und -nachfrage immer stärker schwanken, benötigen wir neue Lösungen, um das System stabil und bezahlbar zu halten. 

Im Orchester unseres Stromsystems wird zurzeit ein neues Musikstück geprobt: die Energiewende. Bislang lief im Stromsystem ein robuster Marsch mit weitgehend vorhersehbaren Mustern. Die Verbraucher waren der Taktgeber dieses Orchesters, dem die zentralen Großkraftwerke und das Übertragungsnetz gefolgt sind. Das Zusammenspiel war planbar und entsprechend stabil.

Dieses Orchester verändert sich – und damit auch die Melodie. Immer mehr Instrumente kommen hinzu: Wind- und Solaranlagen spielen schon häufig die erste Geige, dazu summen Elektroautos und brummen Wärmepumpen. Viele von ihnen spielen nicht mehr streng nach Partitur, sondern folgen eigenen Rhythmen: dem Wetter, individuellen Bedürfnissen oder Marktpreisen. Das macht das Zusammenspiel komplexer. Der Dirigent steht vor der Herausforderung, dafür zu sorgen, dass aus dieser Vielfalt kein Durcheinander wird, sondern weiterhin ein funktionierendes Ganzes.

Um dieses Energiewende-Orchester zu dirigieren, werden neue Instrumente benötigt, um Flexibilität zu mobilisieren. Diese Flexibilität können Erzeuger, Verbraucher und Speicher bereitstellen, indem sie ihr Verhalten zeitlich anpassen. Strom wird dann erzeugt, verbraucht oder gespeichert, wenn es für das Gesamtsystem sinnvoll ist. Das ist wichtig, weil sich das Stromsystem derzeit grundlegend wandelt. Erneuerbare Energien speisen Strom wetterabhängig ein. Gleichzeitig steigt der Stromverbrauch durch neue Anwendungen deutlich an: Elektrofahrzeuge, Wärmepumpen oder die Wasserstoffproduktion verändern die Lastprofile erheblich. In einem solchen System reicht es nicht mehr, allein die Erzeugung zu steuern. Auch der Verbrauch muss sich anpassen können.

Wie das konkret aussieht, zeigen einfache Beispiele: Ein Elektroauto lädt nicht sofort nach dem Anstecken, sondern dann, wenn viel Strom im Netz verfügbar ist. Eine Wärmepumpe läuft verstärkt in Zeiten niedriger Preise. Batteriespeicher nehmen Überschüsse auf und geben sie später wieder ab. Industrieprozesse werden – wo möglich – verschoben. Flexibilität entsteht also überall im System. Sie ist das Zusammenspiel verschiedener Instrumente und Technologien.

Der schlafende Riese der Energiewende

Mit dem wachsenden Anteil erneuerbarer Energien steigt auch die Herausforderung, Erzeugung und Verbrauch in Einklang zu halten und das Netz frei von Engpässen zu halten. Dies gelingt den Netzbetreibern durch Eingriffe ins System. Je mehr Flexibilität zur Verfügung steht, desto besser können hohen Kosten und einem steigenden Bedarf an Netzausbau entgegengewirkt werden. Schon heute zeigt sich das deutlich. Netzengpässe müssen durch aufwendige Maßnahmen ausgeglichen werden, etwa durch das gezielte Hoch- und Herunterfahren von Kraftwerken. Diese Eingriffe sind teuer und sie nehmen mit der zunehmenden Dynamik im System weiter zu.

Die Flexibilitäts-Instrumente setzen an verschiedenen Hebeln an: Durch die implizite Nutzung von Flexibilität kann das System von vornherein besser austariert werden. Verbrauch und Erzeugung reagieren aufeinander, gesteuert über Märkte und Preise. Durch die explizite Nutzung von Flexibilität können z. B. Engpässe reduziert und vorhandene Infrastruktur effizienter genutzt werden. Das Potenzial ist groß und vielfach bereits vorhanden. Flexibilität gilt daher auch als „schlafender Riese der Energiewende“. Viele flexible Anwendungen sind längst installiert, werden aber noch nicht systematisch genutzt.

Flexibilität ermöglicht es, das System effizienter zu steuern, Engpässe zu reduzieren und die Kosten für das Netzengpassmanagement zu senken. Vor allem aber eröffnet sie die Möglichkeit, neue Akteure in das System einzubinden: Haushalte, Gewerbe und Industrie. Pilotprojekte zeigen bereits, dass das funktioniert. So können etwa Elektrofahrzeuge gezielt so gesteuert werden, dass sie das Netz entlasten, ohne die Nutzerinnen und Nutzer einzuschränken.

Flexibilität ermöglichen

Damit Flexibilität ihr volles Potenzial entfalten kann, sind vier Punkte entscheidend:

Erstens: marktliche Anreize für flexibles Verhalten

Dynamische Tarife können dazu beitragen, dass sich Stromverbrauch stärker an der aktuellen Situation orientiert ("implizite Flexibilität").

Zweitens: die Weiterentwicklung des Netzengpassmanagements.

Um erzeugungsseitige Flexibilität zu ermöglichen, arbeiten wir mit Hochdruck an der Umsetzung von Redispatch 2.0. Mit Redispatch 3.0 sollen künftig zudem auch dezentrale, lastseitige Flexibilität systematisch eingebunden werden. ("explizite Flexibilität")

Drittens: Integration von Flexibilität in die Regelleistungsmärkte

Wir arbeiten an Lösungen, um insbesondere dezentralen (kleinen) Flexibilitäten den Zugang zu Regelleistungsmärkten zu erleichtern.

Viertens: Transparenz und Steuerbarkeit im System

Auf der Verbraucherseite ist dafür ein beschleunigter Rollout intelligenter Messsysteme notwendig. Aber auch auf der Erzeugerseite muss die Steuerbarkeit erneuerbarer Energieanlagen sichergestellt werden. Nur wenn Erzeugung und Verbrauch sichtbar und steuerbar sind, kann Flexibilität effektiv genutzt werden.

Hinzu kommen weitere Aspekte wie geeignete regulatorische Rahmenbedingungen, Innovationsräume für neue Geschäftsmodelle und Anreize für eine systemdienliche Standortwahl von Anlagen wie Speichern oder Elektrolyseuren.

Der Dirigent ist bereit

Unser Strom-Orchester probt mit der Energiewende zurzeit ein anspruchsvolles neues Stück. Die gute Nachricht: Die neue Musik ist viel abwechslungsreicher und durchaus hörenswert. Der Dirigent hat unter dem Begriff Flexibilität schon einen ganzen Werkzeugkasten mit sinnvollen Instrumenten – jetzt gilt es, diese einzusetzen.

Wie Flexibilität im Stromsystem konkret aussehen kann, zeigen verschiedene Projekte, die neue Wege im Umgang mit Flexibilität erproben. Sie machen sichtbar, wie aus vielen einzelnen Instrumenten ein abgestimmtes Zusammenspiel entsteht und wie das Stromsystem der Zukunft seinen neuen Takt findet.

In den folgenden Beiträgen stellen wir einige dieser Projekte vor.

  • Wir sind die innovative Stromdrehscheibe im Herzen Europas.
  • Unser Netz verbindet Baden-Württemberg mit den Energiequellen von morgen.
02

InnovationenMit diesen Flex-Projekten kommt Dynamik ins System

Wenn Wind und Sonne den Takt vorgeben, wird Flexibilität zur entscheidenden Ressource. TransnetBW erprobt in verschiedenen Projekten, wie sich Erzeugung, Verbrauch, Daten und Märkte intelligenter aufeinander abstimmen lassen. Die folgenden Projekte zeigen, wie diese Flexibilitäten konkret erschlossen und nutzbar gemacht werden.

OctoFlexBW

OctoFlexBW zeigt erstmals im großen Maßstab, wie die Flexibilität von Elektrofahrzeugen für das Netzengpassmanagement genutzt werden kann. Über 750 Fahrzeuge wurden in Baden-Württemberg so gesteuert, dass ihre Ladevorgänge gezielt in netzfreundliche Zeiträume verschoben werden. Ziel ist es, neue Flexibilitätsquellen zu erschließen – insbesondere vor dem Hintergrund sinkender konventioneller Kraftwerkskapazitäten. Das Projekt demonstriert, dass diese Form der Flexibilität bereits heute technisch funktioniert und in bestehende Prozesse integriert werden kann.

Welche Flexibilität wird hier genutzt?

Im Fokus steht Verbrauchsflexibilität, das zeitlich verschiebbare Laden von Elektrofahrzeugen. Neu ist vor allem die Skalierung und Integration: Die Flexibilität vieler einzelner Fahrzeuge wird gebündelt und als steuerbare Ressource vollständig automatisiert und marktbasiert im Redispatch eingesetzt.

So funktioniert’s

Bei Bedarf ruft TransnetBW Flexibilität aus einem Pool von Elektrofahrzeugen ab. Ein Aggregator verschiebt daraufhin die Ladevorgänge automatisch in günstigere Zeitfenster. Die Steuerung erfolgt über digitale Plattformen entlang der gesamten Kette von der Systemführung über DA/RE bis zur einzelnen Ladestation. Für die Nutzerinnen und Nutzer bleibt der gewünschte Ladezustand dabei unverändert.

Nutzen

Für das Stromsystem

  • Neue, skalierbare Flexibilität zur Entlastung von Netzengpässen
  • Reduzierung von Redispatch-Kosten
  • Geringerer Bedarf an konventionellen Eingriffen

Für weitere Akteure

  • Neue Geschäftsmodelle für Aggregatoren und Energieversorger
  • Kostenvorteile für Endkundinnen und -kunden
  • Hohe Akzeptanz durch komfortneutrale Anwendung

Status und Ausblick

Das Projekt wurde erfolgreich abgeschlossen und hat die technische und operative Machbarkeit nachgewiesen. Die Erkenntnisse fließen direkt in Folgeprojekte wie DataFleX ein, in denen der Ansatz weiter skaliert und auf zusätzliche Flexibilitäten ausgeweitet wird.

 

OctoFlexBW zeigt, dass Elektroautos schon heute als flexible Ressource aktiv zur Netzstabilität beitragen können.

Projektvorstellung im Video: 
So funktioniert OctoFlexBW

DataFleX

DataFleX untersucht, wie sich tausende kleine, dezentrale Flexibilitäten künftig systematisch für das Engpassmanagement im Stromnetz nutzen lassen. Im Mittelpunkt stehen dabei Elektrofahrzeuge, Wärmepumpen und Heimspeicher. Technologien, die im Zug der Energiewende stark zunehmen.

Ziel ist es, diese Flexibilitäten marktbasiert und automatisiert in den Redispatch zu integrieren. Dafür werden Flexibilitäten aus den Sektoren Energie, Mobilität und Wärme sektorübergreifend nutzbar gemacht und über automatisierte Prozesse zwischen Aggregatoren und Netzbetreibern in den Netzbetrieb eingebunden.

Welche Flexibilität wird hier genutzt?

Im Fokus steht verbrauchsseitige Flexibilität, also die Möglichkeit, Stromverbrauch zeitlich zu verschieben. Neu ist vor allem die Dimension: Statt einzelner Anlagen werden tausende kleine Flexibilitäten gebündelt und koordiniert eingesetzt. Aggregatoren fassen sie zu steuerbaren Einheiten zusammen und stellen sie dem Netzbetrieb als verlässliche Ressource zur Verfügung.

So funktioniert’s

Aggregatoren bündeln die Flexibilität vieler Geräte und bieten diese dem Netzbetreiber für Redispatch-Maßnahmen an. Über die DA/RE-Plattform werden die notwendigen Daten ausgetauscht und die Flexibilitäten bei Bedarf aktiviert. So entsteht ein automatisierter Prozess, bei dem Flexibilität aus dem Alltag direkt in die Systemführung integriert wird.

Nutzen

Für das Stromsystem

  • Neue Flexibilität zur Bewältigung von Netzengpässen
  • Reduzierung von Redispatch-Kosten
  • Bessere Integration erneuerbarer Energien

Für weitere Akteure

  • Neue Vermarktungsmöglichkeiten für Aggregatoren und Anlagenbetreiber
  • Perspektivisch geringere Systemkosten für Verbraucher
  • Beitrag zur Entwicklung zukünftiger Markt- und Prozessdesigns

Status und Ausblick

DataFleX befindet sich aktuell in der Pilotierungsphase mit großskaligen Tests in zwei Modellregionen. Weitere Anlagen und Funktionen werden schrittweise integriert. Die Ergebnisse sollen als Grundlage für den breiteren Rollout von Redispatch 3.0 dienen und in zukünftige regulatorische und technische Entwicklungen einfließen.

 

DataFleX zeigt, wie tausende dezentrale Flexibilitäten gemeinsam für das Stromsystem nutzbar gemacht werden.

DA/RE

Die Plattform DA/RE (Datenaustausch/Redispatch) übernimmt zentrale Aufgaben wie Fahrplanmanagement, Datenaustausch und Abrechnung und entlastet Netzbetreiber bei der Umsetzung der komplexen Redispatch-Prozesse. Mit der DA/RE-Bilanzierung erweitert TransnetBW die Plattform DA/RE um eine zentrale Funktion im Redispatch: den energetischen Ausgleich bei Eingriffen ins Stromsystem. Wird eine Anlage abgeregelt, sorgt DA/RE dafür, dass die fehlende Energie beschafft und bilanziell korrekt zugeordnet wird.

Welche Flexibilität wird hier genutzt?

DA/RE selbst erzeugt keine Flexibilität, sondern macht sie nutzbar. Im Fokus stehen alle Anlagen im Redispatch, von klassischen Erzeugern bis zu kleineren, dezentralen Anlagen und perspektivisch auch Verbrauchern wie Elektrofahrzeugen oder Wärmepumpen. Erst durch die korrekte Bilanzierung können diese Flexibilitäten systemdienlich eingesetzt und in den Netzbetrieb integriert werden.

So funktioniert’s

Wird eine Redispatch-Maßnahme ausgelöst und beispielsweise ein Windpark abgeregelt, startet über DA/RE automatisch der Bilanzierungsprozess: Durch die Abregelung fehlt dem Vermarkter des Windparks die eingespeiste Energie, die er bereits an der Börse verkauft hat. Per Gesetz ist der Netzbetreiber verpflichtet, ihm die fehlende Energie in seinen Bilanzkreis zu leiten, damit der Verkauf an der Börse aus bilanzieller Sicht „gedeckt“ ist. Der benötigte bilanzielle Ausgleich wird auf Initiative von DA/RE beschafft und über Fahrpläne in den passenden Bilanzkreis überführt. Nach Bestätigung durch alle Beteiligten stellt die DA/RE-Plattform Daten für die Abrechnung bereit. DA/RE koordiniert dabei alle Schritte im Hintergrund und verbindet die verschiedenen Systeme zu einem durchgängigen Prozess.

Nutzen

Für das Stromsystem:

  • Sicherer und standardisierter bilanzieller Ausgleich
  • Skalierbare Umsetzung von Redispatch mit vielen dezentralen Anlagen
  • Grundlage für die Integration neuer Flexibilitäten

Für weitere Akteure:

  • Entlastung von Netzbetreibern bei komplexen Prozessen
  • Kein eigener Aufbau von Handels- und Bilanzierungssystemen notwendig
  • Einheitliche und effiziente Abwicklung für alle Beteiligten

Status und Ausblick

Nach ersten erfolgreichen Tests – unter anderem im Projekt OctoFlexBW – wird die vollständige Umsetzung aktuell weiterentwickelt und mit Partnern erprobt. Mit der Einführung des sogenannten Planwertmodells ab 2027 wird die Bilanzierungsfunktion DA/RE um einen weiteren zentralen Baustein für die Umsetzung  der Redispatch-Aufgaben für Netzbetreiber sein. Zusätzlich kommt die Entwicklung einer sauberen Bilanzierung auch der Einbindung weiterer Flexibilitäten (Stichwort Redispatch 3.0) ins Engpassmanagement über DA/RE zugute.

Die DA/RE-Bilanzierung sorgt dafür, dass Flexibilität im Stromsystem nicht nur genutzt, sondern auch zugeordnet werden kann.

liVe – Limitierte Vermarktung

Durch den Ausbau und die unkontrollierte Einspeisung von erneuerbaren Energien sind die Strompreise in Deutschland immer häufiger stark negativ – ein deutliches Signal, dass ein Teil des Stroms nicht benötigt wird. TransnetBW hat deshalb erstmalig Anlagen marktbedingt zur Abregelung angewiesen. Die Grundlage dafür schafft die sogenannte limitierte Vermarktung (liVe), eine neue regulatorische Anforderung. Diese zielt darauf ab, dass Anlagen in der EEG-Einspeiseförderung in den Markt integriert werden und das Risiko von Erzeugungsüberschüssen im Stromsystem vermindert wird. Es werden Markt- und Netzanforderungen besser miteinander verzahnt.

Welche Flexibilität wird hier genutzt?

Im Mittelpunkt steht die Flexibilität auf der Erzeugungsseite. Konkret die Möglichkeit, Einspeisung situativ zu reduzieren. Neu ist, dass diese Steuerung nicht primär netzgetrieben, sondern marktbasiert erfolgt: Anlagen reagieren indirekt auf Preissignale. Damit wird erneuerbare Erzeugung erstmals systematisch an Marktbedingungen angepasst und gezielt flexibilisiert.

So funktioniert’s

TransnetBW ist als ÜNB für die Vermarktung von Strom aus Anlagen in der Einspeisevergütung in ihrer Regelzone verantwortlich. Ergeben sich am Day-Ahead-Markt stark negative Preise, werden nicht vermarktete EE-Mengen an DA/RE, der TransnetBW-eigenen Softwareplattform, gemeldet. Die dafür notwendigen Daten werden in der Plattform aggregiert, sodass DA/RE gezielt Anlagen auswählt und über die bestehenden Redispatch-Prozesse zur Abregelung anfordert. Die Steuerung erfolgt über die Verteilnetzbetreiber, während sichergestellt wird, dass für Anlagenbetreiber kein Nachteil aus der Reduzierung entsteht.

Nutzen

Für das Stromsystem:

  • Reduzierung von Erzeugungsüberschüssen
  • Entlastung der Systembilanz bei negativen Preisen
  • Bessere Verzahnung von Markt und Netzbetrieb

Für weitere Akteure:

  • Höhere Vermarktungserlöse und geringere Kosten der Energiewende
  • Klare und einheitliche Prozesse für Marktteilnehmer
  • Faire Kompensation für betroffene Anlagen

Status und Ausblick

Die limitierte Vermarktung ist bereits im produktiven Einsatz und wurde erstmals im Frühjahr 2026 angewendet. Künftig soll der Prozess weiter optimiert und stärker mit Redispatch-Maßnahmen verzahnt werden. Voraussetzung für die Weiterentwicklung bleibt eine bessere Steuerbarkeit der Anlagen sowie passende regulatorische Rahmenbedingungen.

LiVe macht erneuerbare Erzeugung flexibel, indem sie sich erstmals systematisch an Marktbedingungen ausrichtet.

Die Zukunft haben wir immer im Blick: mit Projekten zur Innovation und Plänen zur weiteren Netzentwicklung. Auch darin sehen wir unsere Verantwortung für das Gelingen der Energiewende und unsere Rolle als innovative Stromdrehscheibe im Herzen Europas.

Über die Aufgaben und Ziele von TransnetBW

03

Selbst erklärtSo funktioniert Redispatch 3.0

Mit dem Umbau des Energiesystems verändern sich auch die Anforderungen an den Systembetrieb. Redispatch 3.0 soll künftig zusätzliche Flexibilitäten auf der Verbrauchsseite nutzbar machen. Dr.-Ing. Sabrina Ried, Projektleiterin bei TransnetBW, erläutert, wie dieser Ansatz funktioniert, welche technischen und regulatorischen Voraussetzungen nötig sind und welche Rolle Redispatch 3.0 im zukünftigen Stromsystem spielen kann.

Frau Dr.-Ing. Ried, womit beschäftigen Sie sich in Ihrer Arbeit bei TransnetBW?

Mein Arbeitsalltag ist stark von Projektarbeit geprägt. Ich leite ein interdisziplinäres Projektteam, das sich mit der Konzeption, Weiterentwicklung und Erprobung von Instrumenten beschäftigt, um Flexibilität auf der Lastseite für den Netz- und Systembetrieb nutzbar zu machen.

Dabei bearbeiten wir technische, energiewirtschaftliche und regulatorische Fragen. Gemeinsam entwickeln wir Prozesse, Marktdesigns und Leitplanken. Diese testen wir auch in Pilotprojekten wie OctoFlexBW. Das geschieht in enger Abstimmung mit verschiedenen Fachbereichen innerhalb von TransnetBW, aber auch im Austausch mit externen Partnern wie anderen Netzbetreibern, Aggregatoren, Herstellern oder Forschungseinrichtungen.

Wie ist Ihre Arbeit organisatorisch eingebettet?

In unserer Fachabteilung entwickeln wir konkret das Marktdesign von morgen. Gleichzeitig sind wir stark vernetzt: Wir arbeiten eng mit der Systemführung zusammen, die diese Flexibilität später nutzen soll, und auch mit der Politik- und Regulierungsseite, weil viele der Konzepte nur mit entsprechenden Rahmenbedingungen umgesetzt werden können.

Wie arbeiten Sie konkret im Projekt?

Wir arbeiten bereichsübergreifend in einer hybriden, stark agilen Projektstruktur. Das bedeutet: Wir haben regelmäßige Abstimmungen, in denen wir gemeinsam an Konzepten arbeiten, aber auch Formate, um uns über den aktuellen Stand auszutauschen.

Ein wichtiger Bestandteil sind monatliche Reviews und Planungsrunden, in denen wir Fortschritte bewerten und die nächsten Schritte festlegen. Gerade in einem Umfeld, das sich schnell verändert und stark von externen Entwicklungen geprägt ist, hilft uns diese Arbeitsweise, flexibel zu bleiben und kontinuierlich und mit Blick auf unsere Projektziele nachzusteuern.

Einsparpotenzial: eine Milliarde Euro bis 2030

Kommen wir zum fachlichen Kontext: Was verändert sich im Stromsystem aktuell?

Die Energiewende führt zu tiefgreifenden Veränderungen. Auf der Erzeugungsseite sehen wir einen starken Ausbau erneuerbarer Energien und damit eine höhere Volatilität. Gleichzeitig entstehen auf der Verbrauchsseite durch Elektrifizierung neue, flexible Lasten, etwa durch Elektrofahrzeuge, Heimspeicher oder Wärmepumpen. Hinzu kommt, dass konventionelle Kraftwerke zunehmend vom Netz gehen. Gleichzeitig besteht weiterhin ein strukturelles Nord-Süd-Gefälle: viel Erzeugung im Norden, hohe Verbrauchszentren im Süden. Das führt zu einem steigenden und zunehmend kurzfristigen Bedarf an Eingriffen in den Systembetrieb.

Welche Rolle spielt dabei der Redispatch?

Redispatch bedeutete lange Zeit, dass wir durch das Hoch- oder Herunterfahren von Kraftwerken in das Marktergebnis eingreifen, um Netzengpässe zu beheben.

Mit dem Einbeziehen von erneuerbaren Energien und großen Batterien – Redispatch 2.0 – haben wir diesen Mechanismus bereits erweitert. Allerdings liegt deren Stärke vor allem darin, Leistung zu reduzieren, also abzuregeln. Zusätzliche Erzeugung ist bei erneuerbaren Energien nur begrenzt möglich, unter anderem bei Biomassekraftwerken. Gerade in Süddeutschland, wo häufig zusätzliche Erzeugung benötigt wird, stoßen wir damit an Grenzen.

Und hier setzt Redispatch 3.0 an?

Genau. Redispatch 3.0 geht einen Schritt weiter, indem wir Flexibilität auf der Lastseite nutzen wollen. Das bedeutet: Statt ausschließlich die Erzeugung anzupassen, können wir auch den Verbrauch temporär reduzieren oder verschieben. Das betrifft insbesondere viele kleine, dezentrale Verbraucher wie Elektrofahrzeuge oder Wärmepumpen. Von diesen erwarten wir in Zukunft ein erhebliches Flexibilitätspotenzial, insbesondere in Baden-Württemberg.

Damit erschließen wir nicht nur zusätzliche Möglichkeiten für das Engpassmanagement, sondern können auch Kosten senken. Interne Analysen zeigen, dass deutschlandweit bis 2030 Einsparpotenziale in der Größenordnung von etwa einer Milliarde Euro möglich sind, wenn dieses Konzept breit umgesetzt wird.

Wie funktioniert das technisch?

Wir steuern nicht einzelne Anlagen direkt. Stattdessen arbeiten wir mit Aggregatoren zusammen. Diese bündeln viele einzelne Anlagen zu sogenannten Pools. Diese Pools werden uns inklusive Prognosen beispielsweise zu verfügbaren Potenzialen bereitgestellt. Auf dieser Basis gleichen wir als Netzbetreiber unseren Bedarf mit den verfügbaren Flexibilitäten ab. Wenn ein Einsatz sinnvoll ist, senden wir Aktivierungssignale an die Aggregatoren, die dann die Steuerung innerhalb ihres Pools übernehmen.

Technisch ist das in vielen Teilen vergleichbar mit den Prozessen im bestehenden Redispatch, nur dass jetzt eine neue Art von Flexibilität hinzukommt. Für die Umsetzung der Prozesse nutzen wir vor allem bestehende IT-Systeme, insbesondere die Netzbetreiberplattform DA/RE.

Welche Rolle spielen Daten dabei?

Daten sind zentral. Die Aggregatoren müssen ihre Anlagen kennen, deren Verhalten prognostizieren und kontinuierlich Daten verarbeiten. Gleichzeitig müssen die IT-Systeme aller Beteiligten – Netzbetreiber, Aggregatoren und teilweise auch Systeme im Haushalt – miteinander kommunizieren.

Wir betrachten dabei eine End-to-End-Kette: vom Netzbetreiber bis in den Haushalt. Neben der IT braucht es dafür auch physische Infrastruktur, etwa Netzanschlüsse oder entsprechende Mess- und Steuerungstechnik. Aber die eigentliche Komplexität liegt in den Daten und den Prozessen.

„Redispatch 3.0 ist marktbasiert und freiwillig.“

Dr.-Ing. Sabrina Ried

Wie ist Redispatch 3.0 marktlich organisiert?

Der bestehende Redispatch ist kostenbasiert und verpflichtend. Redispatch 3.0 hingegen soll ergänzend dazu marktbasiert und freiwillig sein. Das ist notwendig, weil wir Anreize für die Teilnahme schaffen müssen. Haushalte oder andere Akteure stellen ihre Flexibilität nur zur Verfügung, wenn es für sie attraktiv ist. Ein rein verpflichtender Ansatz wäre hier kaum umsetzbar. Wer sich für eine Teilnahme entscheidet, stellt uns verbindlich Flexibilität zur Verfügung, sodass unsere Systemführung explizit planbares Potenzial aktivieren kann.

Insgesamt ergibt sich daraus ein hybrides System: kostenbasierter Redispatch auf der Erzeugungsseite und marktbasiertes Flexibilitätspotenzial auf der Lastseite. In der Systemführung werden diese Potenziale gemeinsam betrachtet und nach Effizienzgesichtspunkten eingesetzt.

Welche regulatorischen Herausforderungen bestehen aktuell?

Der regulatorische Rahmen ist derzeit noch nicht ausreichend auf die Nutzung lastseitiger Flexibilität im Redispatch ausgelegt. Insbesondere fehlt eine verlässliche Kostenanerkennung.

Das bedeutet: Wir können solche Maßnahmen zwar pilothaft umsetzen und auch vergüten, aber die Kosten werden aktuell nicht entsprechend refinanziert. Hier besteht aus unserer Sicht Anpassungsbedarf. Wichtig ist dabei auch, aus früheren Erfahrungen zu lernen und die Weiterentwicklung des Rahmens schrittweise und flexibel zu gestalten: nicht mit starren Stichtagen, sondern in einem iterativen Prozess.

Wie arbeiten Sie mit anderen Akteuren zusammen?

Die Zusammenarbeit ist zentral. Wir arbeiten eng mit anderen Übertragungsnetzbetreibern zusammen, insbesondere mit TenneT und Amprion, aber auch mit ausländischen ÜNB in der Kooperation Equigy. Darüber hinaus beziehen wir Verteilnetzbetreiber, Aggregatoren und weitere Marktakteure ein. Gerade wenn es darum geht, perspektivisch Millionen von Anlagen zu integrieren, ist klar: Das kann nur funktionieren, wenn Lösungen standardisiert und branchenweit abgestimmt sind. Kooperation ist hier sowohl Herausforderung als auch Voraussetzung für den Erfolg.

Komplexität erfordert automatisierte Prozesse

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen insgesamt?

Die größte Herausforderung ist die Komplexität. Wir bewegen uns von einer Struktur mit wenigen großen Anlagen hin zu einem System mit sehr vielen dezentralen Einheiten und neuen Marktrollen. Das erfordert vollständig automatisierte, robuste Prozesse. Gleichzeitig zeigt die Erfahrung, dass solche Systeme nicht von heute auf morgen vollständig umgesetzt werden können. Deshalb setzen wir bewusst auf eine schrittweise, agile Entwicklung.

Wie sieht dieser schrittweise Ansatz konkret aus?

Bei TransnetBW arbeiten wir mit einem sogenannten Minimum Viable Product-Ansatz. Das bedeutet: Wir entwickeln zunächst eine einfache, funktionsfähige Lösung und erproben sie in einem begrenzten Rahmen, aktuell in der Modellregion Baden-Württemberg und mit ausgewählten Partnern. Darauf aufbauend erweitern wir die Lösung schrittweise, und integrieren weitere Funktionen, Partner und Anlagen. Dieser Ansatz ermöglicht es, früh praktische Erfahrungen zu sammeln und gleichzeitig die Komplexität beherrschbar zu halten.

Wie weit ist die Umsetzung aktuell?

Im Rahmen des Projekts DataFleX haben wir bereits erste Aggregatoren eingebunden und setzen die praktische Anwendung um. Diese Aktivitäten werden auch über das Projekt hinaus weitergeführt. Die Geschwindigkeit der weiteren Entwicklung hängt jedoch stark vom regulatorischen Rahmen ab. Klar ist aber: Wir werden das Thema schrittweise vorantreiben und kontinuierlich ausbauen.

„Flexibilität wird ein zentraler Baustein des zukünftigen Stromsystems sein. Darüber besteht in der Branche Einigkeit.“

Dr.-Ing. Sabrina Ried

Welche Rolle wird Flexibilität künftig im Stromsystem spielen?

Flexibilität wird ein zentraler Baustein des zukünftigen Stromsystems sein. Die offene Frage ist weniger, ob Flexibilität genutzt wird, sondern wie genau – also mit welchen Instrumenten und in welchen Marktmechanismen. Redispatch 3.0 ist ein möglicher und sehr konkreter und wirksamer Ansatz, um Flexibilität gezielt für den Systembetrieb zu erschließen.

Was bedeutet das für Endkundinnen und -kunden? Müssen sie Eingriffe befürchten?

Die Teilnahme an solchen Modellen wird freiwillig sein. Endkundinnen und -kunden können selbst festlegen, in welchem Rahmen sie Flexibilität zur Verfügung stellen. Die Aggregatoren werden sicherstellen, dass der primäre Nutzungszweck – etwa Mobilität oder Wärmeversorgung – jederzeit gewährleistet bleibt. Nur darüber hinausgehende Flexibilität wird genutzt. In bisherigen Pilotprojekten hat sich gezeigt, dass dies ohne Komforteinbußen möglich ist und auf hohe Akzeptanz stößt.

Wofür steht eigentlich 3239+?

Als TransnetBW 2012 gegründet wurde, betrug die Länge unseres Netzes exakt 3.239 Kilometer. Seitdem sind die Energiewirtschaft und unsere Aufgabe als Übertragungsnetzbetreiberin in stetem Wandel. Das gilt auch für unser Netz. Der Titel unseres Kundenmagazins 3239+ vereint daher unseren Ursprung mit unserem Anspruch für die Zukunft: Wir wollen wachsen und den Wandel der Energielandschaft als positive Kraft mitgestalten. 

04

E-STATCOM-Anlage in Wendlingen150 Megawatt für 1,25 Sekunden

Zur Energiewende gehören nicht nur Windräder, Solaranlagen und Übertragungsleitungen. Neben Energieerzeugung und -transport benötigen wir auch Infrastruktur, die dafür sorgt, dass das System stabil bleibt.

Große, konventionelle Kraftwerke liefern nicht nur Energie, sondern sorgen auch für Stabilität im Netz. Ihre Generatoren halten Spannung und Frequenz ganz automatisch im Takt. Denn die rotierenden Massen der Generatoren halten plötzlichen Netzveränderungen stand und sorgen durch den richtigen Energieaustausch dafür, dass das System stabil bleibt. Im Zuge des Abbaus der konventionellen Kraftwerkskapazitäten müssen diese stabilisierenden Systemdienstleistungen neu geschaffen werden. Anders: Mit den konventionellen Kraftwerken verschwindet auch die physikalische Stabilität – Trägheit, Blindleistung, Momentanreserve –, die sie bisher bereitgestellt haben.

Strom transportieren ist das eine, Stabilität liefern das andere

Das bedeutet im Kontext der Energiewende: Netzstabilität wird zu einer eigenständigen Aufgabe und zu einer eigenen technischen Infrastruktur. Die gute Nachricht darauf ist: Unsere technische Infrastruktur kann diese Aufgabe nicht nur leisten, sondern sorgt auch dafür, dass wir in Zukunft ein leistungsfähiges Stromnetz haben werden, das die Energieerzeugung von Wind und Solar bestmöglich abrufen kann und ohne konventionelle Kraftwerke auskommt.

Und hier kommen E-STATCOM-Anlagen wie der Neubau von TransnetBW in Wendlingen am Neckar ins Spiel. Diese Anlagen stehen an wichtigen Knotenpunkten und übernehmen zentrale netzstabilisierende Aufgaben, die zuvor von der Trägheit der Generatoren in konventionellen Kraftwerken geleistet wurden.

E-STATCOM-Anlagen haben Grid-Forming-Eigenschaften: Das bedeutet, eine Anlage kann aktiv zur Vorgabe und Stabilisierung von Spannung und Frequenz beitragen, statt sich nur daran anzupassen. Klassische Kraftwerke konnten das automatisch, die meisten erneuerbare Bestandsanlagen hingegen sind grid-following: Sie benötigen ein vorhandenes stabiles Netz, an dem sie sich orientieren.

Exkurs: Was ist Blindleistung?

Blindleistung ist die Energie, die im Stromnetz benötigt wird, um elektrische und magnetische Felder aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Diese Felder sind die Voraussetzung dafür, dass Strom überhaupt transportiert werden kann. Anders als die Wirkleistung verrichtet Blindleistung keine direkte Arbeit, sie hat jedoch lokalen Einfluss auf die Spannungen im Netz. Entscheidend ist dabei das richtige Maß: Zu wenig spannungshebende Blindleistung kann zu einem Spannungskollaps führen, zu wenig spannungssenkende zu lokalen Überspannungen. Deshalb muss sie im Stromsystem durch den Übertragungsnetzbetreiber jederzeit gezielt ausgeglichen werden.

Dafür kommen verschiedene Betriebsmittel zum Einsatz: Klassische Kompensationsanlagen wie Kondensatoren erhöhen die Spannung, während Drosselspulen sie senken, allerdings immer in festen Stufen und mit vergleichsweise langsamer Reaktion im Bereich mehrerer Sekunden. STATCOM-Anlagen (Static Synchronous Compensators) gehen hier einen Schritt weiter: Sie stellen Blindleistung stufenlos und innerhalb von Millisekunden bereit oder nehmen sie auf. Damit können sie Spannungsschwankungen im Netz besonders schnell und präzise ausgleichen und übernehmen so eine wichtige Rolle in einem zunehmend dynamischen Stromsystem.

Von STATCOM zu E-STATCOM

Während eine klassische STATCOM-Anlage ausschließlich Blindleistung bereitstellt, um die Netzspannung zu stabilisieren, geht die E-STATCOM einen Schritt weiter: Sie kann zusätzlich auch Wirkleistung aufnehmen oder abgeben. Möglich wird das durch integrierte Kurzzeitspeicher, etwa in Form von Superkondensatoren, die speziell für extrem schnelle Energieabgabe ausgelegt sind. Damit reagiert sie nicht nur auf Spannungsänderungen, sondern kann auch kurzfristige Ungleichgewichte im Netz ausgleichen. Sie erweitert die Funktion der STATCOM also von einem reinen Regler hin zu einem aktiven Stabilisierungselement im Stromsystem.

Kraftwerksausfall, Lastsprung, Einspeisespitzen: Die E-STATCOM-Anlage greift in den ersten Millisekunden plötzlicher Leistungs- oder Spannungsänderungen im Stromnetz ein und stabilisiert lokal das Netz, noch bevor sich eine Störung ausbreiten kann. Diese unmittelbare Reaktion wird als Momentanreserve bezeichnet.

Anders gesagt: Die E-STATCOM verschafft anderen Akteuren im Netz die notwendige Zeit, auf plötzliche Veränderungen zu reagieren. Sie tun das nicht mechanisch (wie ein Kraftwerk), sondern leistungselektronisch.

Leistungsdaten einer E-STATCOM-Anlage:

  • Blindleistung: ± 300 MVar
  • Wirkleistung: ± 150 MW für 1,25s
  • Speichergröße aller Supercaps: 375 MWs

375 Megawattsekunden Energiespeicher, 150 Megawatt für 1,25 Sekunden.

Über leistungsfähige Umrichter und integrierte Kurzzeitspeicher können E-STATCOMs innerhalb von Sekundenbruchteilen große Mengen Energie aufnehmen oder abgeben. Die hochmoderne Anlage, welche sich in Wendlingen über 4000 Quadratmetern erstreckt, dient als leistungsfähiger Stabilisator in kurzen Augenblicken plötzlicher Leistungsabfälle oder -anstiege.

Flexibilität in Sekundenbruchteilen

Flexibilität im Kontext der Energiewende betrifft meist Speicherlösungen, Lastverschiebung oder Marktmechanismen. E-STATCOM-Anlagen stehen für eine andere Form von Flexibilität. Sie arbeiten nicht über Minuten oder Stunden, sondern in Millisekunden. Sie reagieren automatisch, lokal und physikalisch. Und sie sind bereit, jederzeit einzugreifen. Diese Form der Flexibilität ist unsichtbar. Aber sie ist ein wesentlicher Baustein dafür, dass ein zunehmend dynamisches Stromsystem stabil betrieben werden kann.

Die E-STATCOM-Anlage in Wendlingen

In Wendlingen am Neckar entsteht eine von sechs E-STATCOM-Anlagen in Baden-Württemberg. Wir haben im April 2026 die Baustelle besucht.

05

NetzuhrzeitWie tickt das Stromnetz?

Das europäische Stromnetz hat eine Sollfrequenz von 50 Hertz. Ein Nebeneffekt dieses Takts ist, dass man anhand der Netzfrequenz die Uhrzeit ablesen kann. Früher nutzten viele Haushaltsgeräte dieses Prinzip – und auch heute begegnet uns das Phänomen noch in unserer Hauptschaltleitung.

Das Rebhuhn

Tiere bei TransnetBW

Ich bin das Rebhuhn, der Vogel des Jahres 2026. Mit meinem sandbraunen Gefieder, den feinen dunklen Zeichnungen und dem rostfarbenen Gesicht bin ich perfekt an Felder und Wiesen angepasst. Am liebsten laufe ich am Boden durch Getreidefelder, Hecken und Wiesen, wo ich nach Samen, Kräutern und Insekten suche. Fliegen kann ich zwar auch – aber meist nur kurz und mit schnellem Flügelschlag, wenn Gefahr droht.

Doch mein Zuhause ist seltener geworden. Große Felder ohne Hecken, intensive Landwirtschaft und der Einsatz von Pestiziden lassen mir immer weniger Raum zum Leben und weniger Nahrung für meine Küken. Deshalb freue ich mich über Unterstützung. TransnetBW achtet bei Bauprojekten wie Stromtrassen darauf, Lebensräume zu erhalten und zu verbessern. Blühflächen, strukturreiche Feldränder und neue Rückzugsorte helfen mir und vielen anderen Arten der Feldlandschaft.

  • Gesamtlänge: 28 bis 32 cm
  • Gewicht: etwa 300 bis 400 g
  • Lebenserwartung: meist zwei bis drei Jahre
Baumfalke

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