KleinstFlexibilitäten erschließen

Redispatch 3.0

Die Erschließung von kleinteiliger Flexibilität ist ein Baustein, um die Übertragungsnetze auch in Zukunft sicher zu betreiben. Das hybride Redispatch-Modell ergänzt den kostenbasierten Redispatch um einen marktbasierten Mechanismus. Das Konzept ist ein Vorschlag für die zukünftige Organisation des Engpassmanagements.

Hybrider Redispatch - Redispatch 3.0

Der Beitrag von Kleinstverbrauchern für die übergreifende Netzstabilisierung ist nicht erschlossen

Energiewende braucht Flexibilität: Im Kleinen wie im Großen. Gerade in der Transformationsphase bis in die 2030er Jahre wird der Betrieb des Strom­netzes immer herausfordernder. Es findet ein Hochlauf von vielen dezentralen Stromverbrauchern statt. Gleichzeitig wird der Anteil der Erneuer­­baren Energien immer stärker zunehmen, mit dem der Netzausbau Schritt halten muss.

Gerade hierfür braucht es Werkzeuge, die helfen die Stromnachfrage zu decken, wenn Erneuerbare Energien zu wenig Strom produzieren oder wenn Netzüberlastungen drohen.

Die Flexibilität der vielen dezentralen Stromverbraucher kann neben zusätzlichen Backup-Kraftwerken einen Beitrag leisten. Immer mehr Menschen setzen auf E-Autos, Heimspeicher und Wärmepumpen. Dahinter steckt ein enormes Potenzial. Das weist auch der Versorgungs­sicherheitsmonitoring-Bericht der Bundesnetzagentur aus. Am Beispiel des Ladens eines E-Autos ist eine freiwillige Verbrauchs­verschiebung möglich. Und das sogar ohne Komfortverlust. Der potenzielle Beitrag für den stabilen Netzbetrieb ist dadurch erheblich. Für die Verteilnetzbetreiber gibt es bereits ein gesetzliches Instrument, um Flexibilitäten zu erschließen (§ 14 a EnWG). Doch für die spannungs­ebenen-übergreifende Nutzung fehlen die Anreize, um dieses Potenzial zur Verfügung zu stellen.

Mit Redispatch 3.0. das Mitmachpotenzial aller Flexibilitäten für die Netzstabilisierung nutzen

Die nationalen Regelungen zum Engpassmanagement (Redispatch) erfassen bisher nur Erzeugungs­anlagen und Speicher ab einer Leistung von 100 Kilowatt, jedoch keine kleineren dezentralen Flexibilitäten. Hier muss angesetzt werden, damit die freiwillige Teilnahme an Netzstabilisierungs­maßnahmen möglich wird und “Mitmacher” für ihren Beitrag belohnt werden können. Europarechtlich wäre dies bereits geboten.

Deshalb schlagen wir gemeinsam mit TenneT und E-Bridge ein hybrides Redispatch-Modell vor. Ziel ist, den kostenbasierten Redispatch (Redispatch 2.0) um einen marktbasierten freiwilligen Redispatch 3.0 für Kleinanlagen zu ergänzen. So könnte der notwendige Redispatch-Bedarf, der in Süddeutschland insbesondere durch fossile Kraftwerke gedeckt wird, reduziert und ein wichtiger Beitrag für das Management des Stromsystems geleistet werden.

Dieser Vorschlag der Weiterentwicklung des Redispatch-Regimes beinhaltet, dass dezentrale, kleinteilige Flexibilität als ein Baustein den Kohleausstieg flankiert und den Weg zu einer klimaneutralen Stromversorgung ermöglicht. Denn nichts ist klimafreundlicher und effizienter, als bestehendes “Eh-Da-Potenzial" für die Netzstabilisierung zu nutzen. Die Einbindung dieses Potenzials bietet einen hohen gesamtvolks­wirtschaftlichen Nutzen. Das zeigt auch eine Studie der TGZ InEnergy an der Universität Stuttgart.  

Funktionsweise

Wie Redispatch 3.0 funktioniert

In einem hybriden Modell wird der bestehende kostenbasierte Redispatch für Erzeugungs­anlagen (Redispatch 2.0) um einen markt­basierten Redispatch für dezentrale Flexibilitäten erweitert.

Dezentrale, kleinteilige Flexibilitäten werden zuerst von Aggregatoren gebündelt und den Netzbetreibern zur Verfügung gestellt. Über eine gemeinsame Merit-Order-Liste (MOL) wird die am besten geeignete Anlage oder Flexibilität für das Engpassmanagement ausgewählt. Große Erzeugungsanlagen erhalten eine kostenbasierte Erstattung, während nachfrageseitige Flexibilitäts­potenziale marktbasiert vergütet werden. Diese kombinierte Variante könnte so die effiziente Einbindung der neuen Flexibilisierungspotenziale ermöglichen.

LeistungspreisPlus-Modell - Flexibilität effizient beschaffen  Fehlanreize wirksam begrenzen.

Wie können Flexibilitäten effizient beschafft werden, ohne Fehlanreize zu setzen? Das LeistungspreisPlus-Modell verbindet beides: Es ermöglicht eine verlässliche Bereitstellung von Flexibilität und begrenzt zugleich strategisches Bieterverhalten.

Das vorgeschlagene LeistungspreisPlus-Modell wurde seitens Neon Neue Energieökonomik und Consentec als umsetzbar eingestuft und begrenzt strategisches Bieterverhalten wirksam.

Forderungen

Was jetzt politisch gefragt ist

  1. Gesetzliche Rahmenbedingungen schaffen

    Redispatch 3.0 sollte als komplementärer, marktbasierter Mechanismus ergänzend zu Redispatch 2.0, also dem kostenbasierten Redispatch mit Kraftwerken und Anlagen, in § 13a EnWG verankert werden. So wird Redispatchpotenzial erhöht und Kosten gesenkt. Der gesetzliche Anwendungsbereich des Engpassmanagements ist hierfür auf Elektrofahrzeuge, Wärmepumpen und PV-Heimspeicher auszuweiten. Die Teilnahme sollte freiwillig in der Vermarktung und nach Zuschlag bzw. Aktivierung verbindlich erfolgen.

  2. Verlässliche Kostenanerkennung und Refinanzierung schaffen

    Eine klare gesetzliche Verankerung schafft zugleich die notwendige Grundlage für die Kostenanerkennung sowie die Refinanzierung von Abrufkosten und Umsetzungskosten.

Nutzen und Wirksamkeit

Analyse belegt volks­wirtschaft­liche Einspar­potenziale.

Bis zu 1 Mrd. Euro Einspar­potenzial bis 2030 im Über­tragungs­netz

Relevante Flexibilität ist vorhanden, wird regulatorisch aber bislang nicht erschlossen: Der bestehende Redispatch-Rahmen erfasst kleine lastseitige Flexibilitäten nicht systematisch, obwohl gerade bei Elektrofahrzeugen, Wärmepumpen und PV-Heimspeichern nennenswerte zusätzliche Potenziale entstehen.

Für das Jahr 2037 erwartet der Netzentwicklungsplan 2037/2045 (2025) in Deutschland 28 bis 34 Millionen Elektrofahrzeuge mit einem jährlichen Stromverbrauch von rund 100 bis 129 TWh. Gleichzeitig wird bei Heimspeichern eine installierte Leistung von 46,7 bis 59,5 GW prognostiziert.

Redispatch 3.0 macht bislang ungenutzte Flexibilitäten für das Engpassmanagement verfügbar. Das senkt Netzkosten, stärkt die Versorgungssicherheit und eröffnet neue Marktchancen durch Innovationsförderung. Mit Einsparpotenzialen von rund 1 Mrd. Euro bis 2030 allein im Übertragungsnetz bietet das Konzept einen konkreten Beitrag zu einem effizienteren und bezahlbaren Stromsystem.

Projekte

Pilotprojekte setzen Impulse

TransnetBW erprobt Redispatch 3.0 bereits in mehreren Praxisprojekten. In Initiativen wie PV-Shift, OctoFlexBW, LadeFlexBW und DataFleX werden Elektrofahrzeuge, Wärmepumpen und PV-Heimspeicher für das Engpassmanagement erschlossen. Ziel ist es, bislang ungenutzte Flexibilität marktbasiert nutzbar zu machen und in bestehende Netzprozesse zu integrieren. Die Projekte belegen, dass Redispatch 3.0 technisch umsetzbar ist und das Potenzial hat, Versorgungssicherheit zu stärken sowie Netzkosten zu senken.

Vorteile

Redispatch 3.0 im Überblick

Wirtschaftlich

Über einen Marktbasierten Ansatz wird die geeignetste Lösung für das Engpassmanagement gewählt. So profitieren die Gesamt­gesellschaft von einem kostengünstigen Engpassmanagement und die Teilnehmenden finanziell durch ihre freiwillige Partizipation.

Netzstabilisierend

Die Erschließung für das Engpass­management ist ein wichtiger Beitrag zur Netzstabilität und kann noch Ende der 2020ern zum Tragen kommen.

Koordinierend 

Instrument, das spannungsebenen-übergreifend genutzt werden kann.

Redispatch 3.0 schafft skalierbare IT-Lösungen, um Millionen von kleinteiligen Anlagen und viele Netzbetreiber künftig einzubinden.

Klimafreundlich

Kleinstflexibilitäten sind ein "eh-da" Potenzial für das Engpass­management, das ohne Neubauten sowie Einbußen von Nutzerkomfort erschlossen werden kann.

Studien und Handlungsempfehlungen

Rahmen für kurzfristige Investitionen in Marktkraftwerke für die System- & Versorgungssicherheit

    Marina SchmidNationale Politik
    Marktdesign, Redispatch 3.0, Anreize für gesicherte Leistung
    marina.schmid@transnetbw.de+49 711 21858 3829